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Perfektionismus - wann ist gut eigentlich gut genug?
Kennst Du den Punkt, an dem die Schraube überdreht?
Ich wollte eine Schraube in einen Dübel drehen.
Richtig gut sollte sie sitzen.
Also drehte ich weiter. Und noch ein bisschen.
Bis ich merkte: Sie greift nicht mehr.
Ich hatte das Optimum nicht nur erreicht, sondern überschritten – und jetzt drehte die Schraube ins Leere.
Ich stand da mit dem Schraubenzieher in der Hand und dachte:
So ist das manchmal mit dem Perfektionismus.
Wir merken nicht immer, wann aus gut bereits sehr gut geworden ist – und wann wir den Punkt überschreiten, an dem weiteres Drehen überhaupt noch etwas verbessert.
Manchmal machen wir weiter.
Noch ein bisschen besser.
Noch einmal kontrollieren.
Noch eine Kleinigkeit verändern.
Bis wir irgendwann feststellen:
Eigentlich war es vorher schon gut genug.
Ich bin selbst eine
Bevor ich weiterschreibe, sollte ich etwas offenlegen:
Ich bin selbst Perfektionistin.
Wenn ich ein Restaurant betrete, suche ich den bestmöglichen Tisch. Manchmal wechsle ich, wenn der erste nicht passt.
Bei Hotelzimmern kann ich ziemlich viel Zeit mit der Auswahl verbringen. Wenn es ein Zimmer mit Terrasse und wunderbarer Aussicht gibt, möchte ich natürlich genau dieses.
Und wenn ich etwas mache, möchte ich es richtig machen.
Mein Lebensmotto lautet:
"Gib das Beste mit dem, was Du hast – wo immer Du bist."
Das ist ein guter Satz.
Er hat mich weit gebracht.
Aber er hat auch schon dafür gesorgt, dass ich die eine oder andere Schraube überdreht habe.
Perfektionismus ist nicht automatisch etwas Schlechtes
Das ist mir wichtig.
Denn Perfektionismus wird häufig so dargestellt, als müssten wir ihn uns unbedingt abgewöhnen.
Das sehe ich anders.
Ein hoher Anspruch an sich selbst kann eine enorme Kraft sein.
Menschen mit hohen Ansprüchen arbeiten häufig gewissenhaft, setzen sich ehrgeizige Ziele, möchten gute Ergebnisse erzielen und geben sich nicht mit der erstbesten Lösung zufrieden.
Das kann uns antreiben.
Problematisch wird es erst dann, wenn aus:
"Ich möchte es richtig gut machen."
ein:
"Es darf auf keinen Fall einen Fehler haben."
wird.
Oder noch schlimmer:
"Wenn es nicht perfekt ist, bin ich nicht gut genug."
Zwei Seiten des Perfektionismus
In der Psychologie werden verschiedene Seiten des Perfektionismus unterschieden.
Vereinfacht lässt sich dabei zwischen einem eher funktionalen und einem eher dysfunktionalen Perfektionismus unterscheiden.
Der funktionale Perfektionismus
Hier ist der hohe Anspruch eine Herausforderung und eine positive Triebkraft.
Du möchtest etwas richtig gut machen.
Du bereitest Dich vor.
Du gibst Dir Mühe.
Du setzt Dir hohe Ziele.
Aber:
Du kannst irgendwann auch sagen: Es ist gut. Fertig.
Und wenn ein Fehler passiert?
Dann ist er ärgerlich. Vielleicht korrigierst Du ihn. Vielleicht lernst Du daraus.
Aber der Fehler stellt nicht Deine gesamte Leistung infrage – und schon gar nicht Dich als Menschen.
Der hohe Anspruch hilft Dir.
Er beherrscht Dich nicht.
Der dysfunktionale Perfektionismus
Hier verändert sich etwas.
Nicht mehr nur der Wunsch nach einem guten Ergebnis treibt Dich an, sondern zunehmend die Angst vor dem Fehler.
Was, wenn es nicht gut genug ist?
Was werden die anderen denken?
Was, wenn jemand einen Fehler entdeckt?
Was, wenn ich die Erwartungen nicht erfülle?
Dann kann aus einem hohen Anspruch enormer Druck entstehen.
Und plötzlich geht es nicht mehr nur darum, etwas besonders gut zu machen.
Es geht darum, auf keinen Fall zu versagen.
Perfekt oder schlecht – und nichts dazwischen
Ein typisches Problem dabei ist das Schwarz-Weiss-Denken.
Entweder etwas ist perfekt.
Oder es ist schlecht.
Die riesige Fläche dazwischen – gut, sehr gut, gelungen, fast geschafft, völlig ausreichend – verschwindet.
Ein kleiner Fehler kann dann das gesamte Ergebnis überschatten.
Neun Dinge sind hervorragend gelungen?
Egal.
Das zehnte war nicht perfekt.
Und genau dort bleibt der Blick hängen.
Vielleicht kennst Du das:
Zehn Menschen machen Dir ein Kompliment.
Eine Person äussert Kritik.
Worüber denkst Du am Abend nach?
Wenn Deine Antwort "über die Kritik" lautet, bist Du vermutlich nicht allein damit.
Aber es lohnt sich, genau hinzuschauen.
Denn irgendwann stellt sich die Frage:
Bewerte ich gerade meine Arbeit – oder bewerte ich mich selbst?
Das ist ein grosser Unterschied.
Ich persönlich bin wahrscheinlich eine Mischung
Ich erkenne mich durchaus in beiden Seiten wieder.
Es gibt Bereiche, in denen mein hoher Anspruch mich antreibt und mir Freude macht.
Und es gibt Situationen, in denen ich merke:
Christin, jetzt reicht es.
Ich habe meinen Perfektionismus deshalb nicht "abgelegt" – und das möchte ich auch gar nicht.
Ich mag meinen Anspruch, Dinge richtig gut zu machen.
Ich versuche heute nur bewusster zu erkennen, wann aus:
"Ich gebe mein Bestes."
ein:
"Es ist immer noch nicht gut genug."
wird.
Und dann ist für mich der Moment gekommen:
Schraubenzieher aus der Hand legen.
Woher kommt dieser hohe Anspruch eigentlich?
Darauf gibt es nicht die eine Antwort.
Unsere Persönlichkeit spielt eine Rolle, unser Umfeld, unsere Erfahrungen – und auch das, was wir schon früh über Leistung, Anerkennung und Fehler gelernt haben.
Wer beispielsweise erlebt, dass Leistung einen besonders hohen Stellenwert hat oder Fehler stark kritisiert werden, kann daraus sehr hohe Ansprüche an sich selbst entwickeln.
Ein wichtiger Unterschied kann dabei sein, ob wir gleichzeitig erfahren:
Ich darf Fehler machen und bin trotzdem in Ordnung.
Denn etwas zu leisten und dafür Anerkennung zu bekommen, ist schön.
Schwierig wird es, wenn daraus innerlich die Rechnung entsteht:
Ich werde anerkannt, weil ich etwas leiste.
Und irgendwann vielleicht sogar:
Ich bin nur etwas wert, wenn ich etwas leiste.
Sieben Denkanstösse für Deinen Perfektionismus
Diese Fragen sind nicht zum schnellen Überfliegen gedacht.
Wenn Du Dich in diesem Artikel wiedererkennst, nimm Dir zehn Minuten, ein Blatt Papier und einen Stift.
1. Musst Du perfekt sein, um liebenswert zu sein?
Denk an die Menschen, die Du liebst.
Sind sie alle perfekt?
Vermutlich nicht.
Liebst Du sie trotzdem?
Natürlich.
Dann stell Dir eine einfache Frage:
Warum sollten andere Dich nur dann mögen oder lieben können, wenn Du perfekt bist?
2. Wie gehst Du mit Fehlern anderer um?
Machen Menschen in Deinem Umfeld Fehler?
Natürlich.
Was denkst Du dann?
Hältst Du sie deshalb für unfähig?
Oder denkst Du:
Kann passieren.
Interessant wird es, wenn Du feststellst, dass Du anderen etwas zugestehst, was Du Dir selbst kaum erlaubst.
Es kommt nicht darauf an, niemals Fehler zu machen.
Es kommt darauf an, sie zu erkennen, daraus zu lernen, sie wenn möglich zu korrigieren – und weiterzumachen.
3. Hast Du ein schlechtes Gewissen, wenn Du nichts tust?
Kannst Du Dich auf das Sofa setzen und einfach nichts tun?
Oder meldet sich nach kurzer Zeit eine Stimme:
Eigentlich könntest Du noch …
Du solltest noch …
Du müsstest doch …
Erholung ist keine Belohnung dafür, dass vorher alles erledigt wurde.
Denn dann käme sie vermutlich nie.
Erholung gehört dazu.
4. Wessen Erwartungen erfüllst Du eigentlich?
Das ist eine meiner Lieblingsfragen.
Wenn Du glaubst, etwas besonders gut machen zu müssen:
Wer verlangt das eigentlich?
Dein Arbeitgeber?
Deine Familie?
Dein Partner?
Deine Freunde?
Oder vielleicht hauptsächlich Du selbst?
Manchmal versuchen wir jahrelang, Erwartungen zu erfüllen, die niemand mehr an uns stellt.
Vielleicht wurden sie sogar nie ausgesprochen.
5. Was passiert bei 90 Prozent?
Jetzt wird es praktisch.
Nimm eine Aufgabe, bei der Du normalerweise sehr viel Zeit investierst.
Und hör dieses Mal bei 90 Prozent auf.
Nicht schlampig.
Nicht schlecht.
Einfach:
sehr gut statt perfekt.
Und dann beobachte:
Was passiert?
Fällt es überhaupt jemandem auf?
Ist das Ergebnis tatsächlich schlechter?
Oder hast hauptsächlich Du selbst bemerkt, dass Du noch weitere zehn Prozent hättest hineinstecken können?
Und die vielleicht wichtigste Frage:
Waren diese letzten zehn Prozent die dafür benötigte Zeit wirklich wert?
6. Erkenne auch den Teilerfolg an
Du hattest Dir fünf Dinge vorgenommen und vier geschafft?
Dann hast Du nicht "eines nicht geschafft".
Du hast vier geschafft.
Du wolltest zehn Kilometer laufen und nach acht war Schluss?
Dann bist Du acht Kilometer gelaufen.
Perfektionismus richtet den Blick gerne auf das, was fehlt.
Dreh die Perspektive einmal bewusst um:
Was ist bereits da?
7. Mach bewusst etwas nur "gut genug"
Das ist mein kleines Experiment für Dich.
Mach einmal etwas, ohne es anschliessend noch dreimal zu kontrollieren.
Schreib eine Nachricht und lies sie nur einmal Korrektur.
Bereite etwas vor und hör auf, wenn es seinen Zweck erfüllt.
Erledige eine Aufgabe und widerstehe dem Impuls, noch eine weitere Stunde daran herumzufeilen.
Und dann:
Lass es so.
Beobachte, was tatsächlich passiert.
Sehr wahrscheinlich dreht sich die Welt einfach weiter.
Vielleicht stellst Du sogar fest:
Es war gut genug.
Perfektionismus hat interessante Verbündete
Vielleicht erkennst Du jetzt auch, warum Perfektionismus selten nur an einer Stelle unseres Lebens auftaucht.
Er kann beispielsweise dazu führen, dass wir Dinge aufschieben.
Denn wenn ich fürchte, dass etwas nicht perfekt wird, kann es sich kurzfristig sicherer anfühlen, gar nicht erst anzufangen.
Genau darum geht es in meinem Artikel:
→ Prokrastination: Warum wir Dinge aufschieben – und was wirklich dagegen hilft
Und Perfektionismus kann dazu führen, dass wir schlecht Nein sagen können.
„Ach, ich mache es lieber selbst. Dann weiss ich wenigstens, dass es richtig gemacht wird.“
Und schon liegt die nächste Aufgabe bei uns.
Dazu findest Du mehr hier:
→ Warum uns ein Nein so schwerfällt – und wie es trotzdem gelingt
Die Themen hängen zusammen.
Und manchmal ist genau das die interessante Erkenntnis:
Das Problem, das wir an einer Stelle unseres Lebens bemerken, beginnt möglicherweise ganz woanders.
Wann der eigene Anspruch zu viel wird
Ein Artikel wie dieser kann zum Nachdenken anregen und vielleicht dabei helfen, den eigenen Perfektionismus bewusster wahrzunehmen.
Aber er kann nicht alles auffangen.
Wenn Dein hoher Anspruch dauerhaft starken Stress verursacht, wenn Fehler für Dich kaum auszuhalten sind, wenn Du Dich ständig ungenügend fühlst oder Dein Alltag und Deine Beziehungen darunter leiden, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.
Sich Unterstützung zu holen bedeutet nicht, gescheitert zu sein.
Manchmal bedeutet es einfach, nicht jede Schraube allein drehen zu müssen.
Zum Schluss: Wo liegt Dein Punkt?
Vielleicht möchtest Du Deinen Perfektionismus gar nicht loswerden.
Ich meinen jedenfalls nicht.
Denn der Wunsch, etwas richtig gut zu machen, kann eine wunderbare Eigenschaft sein.
Die Kunst besteht für mich vielmehr darin, den Punkt zu erkennen, an dem aus Anspruch Druck wird.
Aus Sorgfalt endloses Kontrollieren.
Aus Verbesserung keine wirkliche Verbesserung mehr.
Und aus:
"Ich möchte mein Bestes geben."
ein:
"Es ist niemals gut genug."
wird.
Dann dürfen wir aufhören.
Nicht, weil wir aufgegeben haben.
Sondern weil wir erkennen:
Es ist gut.
Vielleicht sogar sehr gut.
Und manchmal ist sehr gut einfach der bessere Punkt um aufzuhören.
Bevor die Schraube überdreht.
Wer das geschrieben hat
Ich bin Christin Meng – die MINDMENTORIN.
Ich begleite Menschen dabei, ihr Leben nicht einfach geschehen zu lassen, sondern es bewusst zu gestalten.
Dafür habe ich den MASTERPLAN entwickelt – ein Online-Programm aus 41 Impulsen zu Themen, die uns im Alltag immer wieder begegnen und darüber entscheiden können, ob wir bei unseren Wünschen bleiben oder tatsächlich etwas verändern.
Perfektionismus ist eines davon.
Und vielleicht ist gerade dieses Thema ein gutes Beispiel dafür, worum es mir dabei geht:
Nicht alles an uns muss "weg".
Manchmal geht es vielmehr darum, uns selbst besser zu verstehen – und zu lernen, eine eigentlich gute Eigenschaft so einzusetzen, dass sie uns hilft, statt uns zu beherrschen.
Wenn Du zusätzlich etwas mitnehmen möchtest
Ich schenke Dir einen Impuls aus meinem MASTERPLAN.
Und zwar den über Schlaf.
Darin findest Du unter anderem eine einfache Technik gegen das Gedankenkarussell am Abend oder mitten in der Nacht. Zum Beispiel, wenn Du im Bett noch einmal durchgehst, was Du hättest besser machen können.
Sie dauert keine zwei Minuten – und Du kannst sie noch in derselben Nacht ausprobieren.
Kostenlos als PDF. Ohne Verpflichtung.
Deine E-Mail-Adresse bleibt bei mir, wird nicht weitergegeben und Du kannst Dich jederzeit wieder abmelden.
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